Predigt beim Konventamt zum Abschluss der Weltgebetswoche um die Einheit der Christen (27.1.2026)

Heil wird in der Heiligen Schrift mit Einheit, Vereinigung, Sammlung, Frieden und Zusammenhalt gleichgesetzt. Wie die Schöpfung durch Zerteilung, Zerspaltung, Auseinanderreißen und Zerstreuung zerstört wird, so wird Sie durch Wiedervereinigung wieder hergestellt. Die Schöpfung ist geschaffen, damit sie durch die vereinigende Harmonie von vielen Geschöpfen etwas von der erhabenen Schönheit des einen Gottes widerhallt. Die Sünde aber zerstört diese Harmonie. Eine spaltende Kakophonie von konkurrierenden Stimmen ersetzt die Harmonie des göttlichen Friedens.

 

In der ersten Lesung haben wir vom Land Sébulon und vom Land Náftali gehört. Diese Gebiete, im Norden von Israel, haben sich mit den anderen nördlichen Stämmen vom Gebiet der Stämme Juda und Banjamin im Süden abgespaltet. Dadurch ist die Einheit und Kraft Israels verloren gegangen. Sébulon und Náftali gehörten auch zu den ersten der Gebiete Israels, die von heidnischen Völker erobert worden sind. Deswegen werden sie auch genannt: Das heidnische Galiläa.

 

Doch genau in diesem Gebiet, so prophezeit Jesaja, wird ein helles Licht aufstrahlen. Der Gesalbte, der Messias, wird die zerstreuten Stämme Israels wieder sammeln und vereinigen. Wie es auch Ezechiel prophezeit: „Wenn ich die vom Haus Israel aus all den Ländern zusammenführe, in die sie zerstreut sind, dann erweise ich mich an ihnen vor den Augen der Völker als heilig.“

 

Diese Prophezeiung hat sich in Christus erfüllt. Christus beruft zwölf Apostel, für die zwölf Stämme Israels, und durch sie beginnt er Israel und all Völker, ja die Ganze Schöpfung, im Lichte seiner Offenbarung zu vereinen.

 

Für uns, da wir Glieder der Kirche sind, bedeutet dies, dass wir diese Einheit leben sollen. In der zweiten Lesung heute aus dem 1, Korintherbrief, ermahnt uns der hl. Paulus zu dieser Einheit: „Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung! Es wurde mir nämlich… von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apóllos – ich zu Kephas – ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?“

 

Im Jänner 1990 hat der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Josef Ratzinger, eine Predigt im Priesterseminar von Philadelphia/USA gehalten. Auf Englisch, aber mit bayrischem Akzent, hat er über diese Stelle im Korintherbrief gesagt: „Wie die Korinther so sind wir in Gefahr, die Kirche in einem Streit der Parteien zu zerreden, wo jeder seine eigene Idee von Christentum entwickelt. So wird das eigene Rechthaben wichtiger als der Anspruch Gottes an uns, als unser Rechtsein vor ihm. Unsere eigene Idee verdeckt uns das Wort des lebendigen Gottes, und die Kirche verschwindet hinter den Parteien, die aus unserem eigenen Sinn wachsen.“

 

Wie oft habe ich selbst in Diskussionen (auch im Internet) gemerkt, dass mein ganzes Bestreben darauf ausgerichtet war, meinen Gegenüber zu besiegen und zu beweisen, das ich Recht habe. Nicht selten führen solche Muster zu übertriebenen Formulierungen die Spaltungen verursachen.

 

Die Spaltungen in Korinth, so führt Ratzinger weiter aus, sind darauf zurückzuführen, dass die Korinther im Christentum eine Interessante religiöse Theorie sehen. Jeder möchte von dieser Theorie das übernehmen, was seinen eigenen Geschmack, seine Vorlieben entspricht: „Wo aber das eigene Wollen und Wünschen entscheidend ist, da ist die Spaltung schon vorgegeben, denn der Geschmäcker sind viele und entgegengesetzte. Aus einer solchen ideologischen Wahl kann ein Club, ein Freundeskreis, eine Partei entstehen, aber nicht eine Kirche, die die Gegensätze zwischen den Menschen überwindet und im Frieden Gottes vereint.“

 

Die Offenbarung Gottes ist kein Buffet, wo jeder nur das nehmen soll, was ihm gefällt. Die Einheit, der Kirche, die Gott schenkt, beruht darauf, dass wir bereit sind unsere eigenen Vorlieben und Geschmäcker und Erwartungen hintenanzusetzen und uns unter Gottes Autorität zu stellen.

 

Im Evangelium haben wir gehört, wie Christus seinen Aposteln beruft, um die Kirche zu begründen. Die Einheit der Kirche beruht wesentlich darauf, dass wir bereit sind die Einheit mit den Nachfolgern der Apostel zu bewahren, ihren rechtmäßigen Anweisungen zu gehorchen und ihre authentische Lehre mit religiösem Gehorsam des Willens und des Verstandes anzunehmen – auch dann, wenn sie nicht mit unseren privaten Vorurteilen und Meinungen übereinstimmen.

 

Gestern hat die Kirche von Wien mit großer Freude die Weihe ihres neuen Bischofs gefeiert. Von nun an werden wir seinen Namen (Josef) als Garant der Einheit unserer Ortskirche in jeder Messe aussprechen, sowie wir in jeder Messe auch den Namen des Papstes (Leo) als Garant der Einheit der ganzen Kirche nennen. Wir wollen für beide beten, dass sie immer mehr die durch Sünde zerstreute Geschöpfe Gottes zur Einheit verhelfen. Amen.

 

(P. Edmund Waldstein OCist)


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